Wer weiß, ob es für diesen Bodensatz der Kinogeschichte je eine Hommage in Form eines Musicals gegeben hätte, wenn, ja wenn Richard O´Brien, englischer Schauspieler mit einer erklärten Vorliebe für genau jenen 50er und 60er-Jahre Trash, nicht 1972 aus einer "Jesus Christ Superstar" Produktion geflogen wäre. Arbeitslos und mit viel Freizeit gesegnet, beginnt er ein Musical zu schreiben, von dem er selbst sagt, daß sich nun wirklich jeder Zehnjährige darüber amüsieren könnte. Den Arbeitstitel "They Came from Denton High" erspart O´Brien sich und der Welt zum Glück und führt seine krude Mischung aus sexueller Provokation, straightem Rock´n´Roll und verliebten Anspielungen auf die B-Movie Ära 1973 unter dem Namen "The Rocky Horror Show" in einem 60-Sitze Theater in London zum ersten Mal auf. Das Original-Ensemble besteht zum größten Teil aus alten Freunden und Bekannten O´Briens, die vor allem eins mit ihm teilen: Die Liebe zu cineastischem Low Budget und Rock´n´Roll. Tim Curry, der in der Rolle des wahnsinnigen Wissenschaftlers und Transvestiten Frank´N´Furter die Rolle seines Lebens findet, gibt beim Casting eine überzogene und hysterische Cover-Version von Little Richards "Tutti Frutti" zum Besten und orientiert sich bei der späteren Interpretation der Rolle nach eigener Aussage an seiner Mutter. Little Nell, die spätere Columbia, wird buchstäblich auf der Straße entdeckt. O´Brien selbst übernimmt den Part des buckligen Handlangers Riff Raff. Das Stück ist von Anfang an ein gigantischer Erfolg, wechselt kurz nach der Uraufführung mehrere Male den Spielort und landet schließlich im King´s Road Theatre mit seinen 500 Plätzen. Die rauhe und energiegeladene Performance auf der Bühne findet nicht nur begeisterten Anklang beim Publikum, sondern läßt auch die Kritiker auf das Stück aufmerksam werden. Noch im selben Jahr wird es in London zum "Musical des Jahres" gewählt. Der Rezensent Ian Dawson zeigt sich begeistert: "Rocky Horror ist hervorragendes Live-Theater, das die Zuschauer mit Glitzer überhäuft und mit schielenden Plastikmonstern, die durch die Sitzreihen laufen. Je weiter es sich von seinen Ursprüngen entfernt, um so mehr sorge ich mich, daß irgendein Produzent versuchen könnte, es für das Kino auf Hochglanz zu polieren und ihm seinen wilden, aufregenden Charakter zu nehmen." Die Angst scheint zunächst unbegründet. Als Lou Adler, amerikanischer Popmusik-Produzent, "Rocky Horror" 1974 zum ersten Mal in London sieht, erkennt er sofort dessen Potential. Er sichert sich die Rechte für den amerikanischen Markt und bringt das Underground-Musical in Los Angeles mitsamt den englischen Darstellern auf die Bühne. Auch im liberalen Kalifornien feiert die Truppe um O"Brien große Erfolge. Kurz darauf beginnt Hollywood, sich für den Stoff zu interessieren. Die 20th Century Fox erhält schließlich den Zuschlag. Und obwohl "Rocky Horror" seine Zugkraft an der amerikanischen Westküste bewiesen hat, steht die große Frage über dem Filmprojekt, wie das prüde amerikanische Kinopublikum auf die Story von der Verführung eines klassisch amerikanischen Spießerpärchens durch außerirdische (ausländische?!) Transsexuelle reagieren wird. Adler sowie das Ensemble kehren nach 10 erfolgreichen Monaten in Los Angeles nach London zurück, um Ironie des Schicksals ausgerechnet in den Bray Studios der Hammer Production, die für ihre billigen Horror-Filme bekannt ist, die Dreharbeiten zu beginnen. Direkt nach Beendigung der Aufnahmen nimmt die Truppe um Adler und O"Brien ihr nächstes Ziel in Angriff: "Rocky Horror" soll den Broadway erobern! Adler läßt das Belasco Theater komplett umbauen. Die Sitzreihen werden durch Café-Tische ersetzt und, um den schwülen Cabaret-Effekt noch zu verstärken, werden vor und während der Show Getränke serviert.
Aufgeschreckt von diesem Desaster wird der inzwischen fertiggestellte Film Testvorführungen unterzogen. Auch hier stößt das Stück größtenteils auf Ablehnung. Doch interessanterweise sind die wenigen Zuschauer, die sich positiv äußern, vollends begeistert. Und bei seiner Uraufführung in Los Angeles findet der Film dann auch prompt sein Publikum. Adler begreift langsam, welche Kult-Nummer das Machwerk werden könnte. Denn viele der Gäste in Kalifornien sehen den Film tatsächlich Abend für Abend. Sie beginnen, die Dialoge mitzusprechen und dem Film mit ihrer eigenen Fantasie und Interaktion genau das einzuhauchen, was die Rocky Horror Show auf ihrem langen Weg von London an den Broadway verloren hatte: Zügellose Energie und Wildheit! Der Rest ist Geschichte. In Kinos und Theatern finden sich von da an Fans der 60er-Jahre-Subkultur zusammen, um ihre Liebe zum Trash zu feiern. Die Geschichte um die sexuellen Phantasien des Frank´N´Furter und die Verführung des Spießerpärchens Brad und Janet beginnt ihren Siegeszug, der bis heute anhält und sie letzten Endes zu dem werden läßt, was sie für Zuschauer auf der ganzen Welt ist: Eine Orgie des schlechten Geschmacks. Ein schrilles Happening auf der Bühne wie im Zuschauerraum. Ein Aufruf zu Freizügigkeit und Lebenslust. Eben das Kult-Musical per se! Text: Marc Zinnecker |
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